Presonus Audiobox 22VSL – Das Audiointerface mit dem gewissen Extra

Die letzte Woche über habe ich mir die Audiobox 22VSL von Presonus näher angesehen. Klar, das Gerät hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, da es bereits 2011 auf dem Markt gebracht wurde, dennoch gibt es einen aktuellen Anlass, sich das Gerät doch noch mal näher anzusehen.

Ich erhielt letztens die Frage, ob die Audiobox eine Alternative oder vielleicht sogar die nächste Stufe zum Yamaha AG03 darstellt. Diese Frage zielte insbesondere auf das besondere Extra der Box ab, die sie ansatzweise mit dem AG03 vergleichbar macht. Denn ähnlich wie der Kleinmixer von Yamaha verfügt die Audiobox über einen DSP, der das Eingangssignal sowohl für das Monitoring als auch für die Aufnahme mit sinnvollen Effekten aufhübschen kann. Das macht die Box natürlich schon mal interessant für alle Streamer da draußen, so wie für alle Leute, die sich nach einem erstellten Preset nicht mehr um die Nachbearbeitung ihres Sounds kümmern möchten.

Also schauen wir uns nun das Gerät erstmal im Detail an.

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https://youtu.be/SmZWiekAbxI

Die Hardware

audiobox_22vsl_vorneHardwaremäßig ist die Audiobox mit allen Standards ausgestattet, die ein Interface in dieser Preisklasse mittlerweile bieten sollte. Auf der Vorderseite findet ihr zwei Kombobuchsen für XLR- und Klinkenstecker. An diese könnt ihr Mikrofone, Instrumente und sonstige Geräte anschließen. Direkt nebenan befindet sich der Schalter, der beide Eingänge optional mit +48V Phantomspeisung versorgt. Daneben befindet sich die Poti-Gruppe. Mit dieser könnt ihr Kopfhörer- und Main-Out-Lautstärke, den Gain für die Eingänge und den Mix zwischen Eingangssignal und Computersignal für Kopfhörer und Main-Out regeln. Neben den Gain-Potis finden sich zudem noch Clipping-LEDs, die euch informieren, falls ihr übersteuert.

Auf der Rückseite befinden sich die restlichen Anschlüsse. Darunter sind ein Kopfhörer-Ausgang (6,5mm Klinke), der Main-Out (2x 6,5mm Klinke), ein MIDI-Ein- und Ausgang sowie der USB-Anschluss für den PC.

Die gesamte Front ist in gebürstetem blauem Metall eingefasst. Ober-, Unter- und Rückseite sind in matt schwarzem Metall eingekleidet und haben kleine Lüftungslöcher für die nötige Kühlung der Technik. An den Seiten findet sich der Presonus-Schriftzug auf ebenfalls mattem Grau. Insgesamt macht die Box einen sehr wertigen Eindruck in Sachen Verarbeitung. Insbesondere die Potis sitzen Stramm und fühlen sich wesentlich hochwertiger als bei den günstigeren Modellen anderer Hersteller an. Erwähnenswert bei den Potis ist zudem, dass sie nicht stufenlos in kleinen Zwischenschritten eingestellt werden. Das erschwert bei den letzten paar dB-Verstärkung jedoch die exakte Skalierung.

Die verbauten Vorverstärker dürften für die meisten Einsatzzwecke mehr als genug rauscharme Power liefern. Bei Mikrofonen liegt der Gain-Bereich zwischen -15 und +65 dB, bei Instrumenten zwischen -30 und +50 dB. Dadurch wird auch kein extra Pad-Schalter mehr benötigt. Bei meinen Tests lieferte das Gerät extrem rauscharme Ergebnisse für verschiedene Kondensator- als auch dynamische Mikrofone. Insbesondere für dynamische Mikrofone hat der Gain-Bereich mit bis zu +65 dB meist noch das Quäntchen Extrapower, das bei dem ein oder anderen Konkurrenten noch fehlt.

Ich habe zum Vergleich mal die Daten der Geräte rausgesucht, die ich selbst mal hier im Einsatz hatte:

Focusrite Scarlett 2i2 -4 bis- +46 dB
Steinberg UR22 (mkii) +10 bis +54 dB
Yamaha AG03 -16 bis +54 dB
Presonus Audiobox 0 bis +35 dB
Presonus Audiobox 22VSL -15 bis +65 dB

Die Praxis

Nach den reinen Daten geht es nun an die Praxis. Und ganz ehrlich? Nimmt man zunächst den DSP und die wertige Verarbeitung bei Seite, ist es ein Audiointerface unter vielen. Es sorgt für saubere Verstärkung der Signale, wandelt diese hervorragend um und kommt bei dynamischen Mikrofonen, die etwas mehr Power haben an ähnliche Grenzen wie die Konkurrenz. Klar, wir haben knapp 10 dB zusätzliche Verstärkung. In diesem Bereich ist das Rauschen jedoch ähnlich Stark wie das des Steinberg oder des Yamaha. Die Abweichung der einzelnen Geräte lag stets bei ca. 1-3 dB, was auf Messungenauigkeit zurückzuführen ist. Keines konnte sich klar absetzen. Jedoch konnte das Interface alle getesteten Kondensatormikrofone und auch die dynamischen mit Leichtigkeit befeuern.

Ansonsten lief der Treiber absolut stabil und lies keinerlei Wünsche offen. Nun aber zum interessanteren Teil. Dem DSP. Dieser lässt sich mittels der beigelegten Software steuern, welche ich im Folgenden mal etwas auseinandernehme.

Der DSP und die Software

Hauptansicht der DSP-Software.

Hauptansicht der DSP-Software.

Die eigentliche Aufgabe des DSPs ist es, die eingehenden Signale mit einem Noise Gate, einem Equalizer, einem Kompressor und auf Wunsch zusätzlich mit Reverb, Delay oder Stereo Delay aufzuhübschen. Dazu wird die mitgelieferte Software benötigt, die automatisch mit dem Treiber installiert wird und sich schlicht „Audiobox“ nennt. Auf dem ersten Blick soll die Oberfläche an einen Kleinmischer erinnern. Das erleichtert die Bedienung und lässt jeden intuitiv und schnell seine gewünschen Einstellungen vornehmen.

Der DSP hat den eigentlichen Zweck, schon während der Aufnahme den Eingang mit leichten Effekten abhören zu können, um das Monitoring, beispielsweise bei Gesangsaufnahmen zu vereinfachen. Allerdings besteht über dies die Möglichkeit die so genannten „Fat-Channels“ aufzunehmen, also jene, in denen das Signal bereits mit Effekten versehen ist. Gerade die Funktion macht das Gerät auch für faule Podcast-, Voice-Over- und Let’s Play-Sessions interessant, wie auch zum Streamen, wo direkt von den Verbesserungen profitiert werden kann.

Vorab zum Hall und Delay: Diese Effekte sind wirklich rudimentär, trotzdem haben sie mich in der Art ihrer Verwendbarkeit enttäuscht. Die Effekt-Kanäle werden nicht in die Fat-Channels weitergeleitet und sind somit nur im Monitoring nutzbar. Auch ist mir unverständlich, warum die Aux-Regler Post-Fader laufen. So ist es nicht möglich, den reinen Effekt abzuhören ohne das trockene Signal. Das ist wirklich schade.

Das Noise Gate

Hier passiert genau das, was man erwartet. Es gibt einen Regler und alternativ die grafische Darstellung, in der man mit der Maus den Wert für den Threshold einstellen kann. Was mich an dieser Stelle etwas verwundert hat, ist, dass in diversen Werbetexten auch von einem Expander die Rede ist. Den konnte ich leider nirgends in der Software finden.

Der Equalizer

Oberfläche des Equalizers.

Oberfläche des Equalizers.

Der Equalizer bietet ähnlich wie das Noise Gate Einstellungsmöglichkeiten über eine grafische Darstellung in Graphenform und in Form von Reglern. Die Software bietet dabei einen Regler für Höhen, einen für Mitten und einen für die Tiefen an und ist somit sehr stark an herkömmlichen Mixern orientiert. Der Unterschied ist allerdings, dass man die Frequenzen frei wählen kann. Zudem steht bei den Reglern für Tiefen und Höhen die Option zur Verfügung, mit der ihr die Anhebung AB der gewählten Frequenz stattfindet oder alternativ wie üblich alles im Bereich UM die gewählte Frequenz anhebt. Bei den Mitten könnt ihr in Sachen Frequenzbreite nur zwischen „HQ“ und „LQ“ also größeren und kleineren Q-Faktor unterscheiden. Ansonsten lassen sich alle drei Regler noch separat an- und abschalten.

Der Kompressor

Der Kompressor bietet im Gegensatz zum Equalizer wieder alles, was das Herz begehrt. Ihr könnt euren Kompressor wieder über grafische Regler und eine Graphendarstellung feintunen. Dabei stehen euch die üblichen Parameter für Threshold (grenze, ab welchem Pegel die Kompression einsetzt), Attack (Geschwindigkeit, in der die Kompression einsetzt), Release (Geschwindigkeit, in der die Kompression nachlässt) und Kompressionsgrad bereit. Zudem kann das Signal nach der Kompression über einen extra Gain-Regler nachträglich angehoben werden.

Des Weiteren stehen euch zwei Buttons bei der Kompressorreglung bereit. Der Button „Auto“ sorgt laut Presonus lediglich für die festen Werte 10 ms für Attack und 150 ms für Release. Über Sinn und Unsinn diesen Button „Auto“ zu nennen lässt sich streiten. Der Button „Limit“ aktiviert einen zusätzlichen Limiter, der alle Signale, die die 0dBFS-Marke erreichen mit einer Kompression von ∞:1 platt macht.

Fazit

An der Audiobox lässt sich nicht viel bemängeln. Alles was sie können soll, wurde auch hervorragend umgesetzt. Insbesondere die bauliche Qualität der gesamten Box sucht in diesem Preissegment seinesgleichen. Die Treiber liefen in allen ausprobierten Szenarien anstandslos stabil. Das gewisse Extra der Audiobox gegenüber ihren Artgenossen ist definitiv der DSP. Obwohl er eigentlich für das Aufhübschen des Monitorsignals gedacht ist, ergeben sich durch den Fat-Channel viele Anwendungsszenarien wie Streaming oder Podcasting, bei denen der Workflow vereinfacht werden kann. Allerdings kann sich das Gerät rein klanglich kaum von teils deutlich günstigeren Alternativen wie dem Steinberg UR22 oder dem Yamaha AG03 absetzen. Diese konnten in Sachen eigenrauschen mühelos mit der Audiobox mithalten, auch wenn diese noch weitere 11 dB Power-Reserven hatte. Wirklich nützlich sind sie bei dem Eigenrauschen jedoch kaum.

Der hauptsächliche Mehrwert findet sich also in der Bauqualität und zumindest gegenüber anderen reinen Interfaces in dem DSP. Wer jedoch weiß, dass er nur ein Mikrofon gleichzeitig aufnehmen möchte oder maximal ein Kondensatormikrofon, der kann sich insbesondere in Sachen Streaming und Podcasting die Geschwister Yamaha AG03 und AG06 ansehen. Bei vergleichbarer Klangqualität und Eigenrauschen haben diese noch weitere nützliche Features im Bereich des Mixings. So habt ihr da kleine mobile Studios. Dafür müsst ihr auf ein Noise-Gate verzichten, spart allerdings auf der anderen Seite zwischen 50 und 80 Euro.

Presonus Audiobox:

Yamaha AG03:

Yamaha AG06:

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  1. Ronny 7. September 2016