Top oder Flop? Das Low-Budget-Mikro Neewer NW-700

Ich dachte mir letztens: Was ist eigentlich, wenn man mal ganz unbedarft an das ganze Aufnahme-Thema rangeht? Man möchte einfach seine Stimme aufnehmen. Sei es für Voice-Over, Podcast, Let’s Play oder ähnliches. Natürlich wählen die meisten den schnellen Weg zu Amazon oder einem anderen Händler ihres vertrauens und geben naiv in die Suche ein: „Mikrofon“. Der erste Treffer sieht gleich bombastisch aus. Mit einem erschlagenden Produktnamen, der die halbe Beschreibung enthält, liest man vielversprechend „Neewer® NW-700 Professionelle Studio Rundfunk & Aufnahme Kondensator-Mikrofon Set inklusive: (1) NW-700 Kondensator-Mikrofon + (1) Metall Mikrofon Erschütterungsabsorber + (1) Kugel-Typ Anti-wind Schaum Kappe + (1) Mikrofon Audiokabel (Schwarz)„.

Nehmen wir das mal kurz auseinander – aus Laiensicht. Ein erstmal nichtssagender Marken- und Produktname gefolgt von den Schlagworten „professionell“, „Studio“, „Rundfunk“, „Aufnahme“ und den Begriff „Kondensator-Mikrofon“ hat man sicher auch schon mal irgendwo gehört. Und dann handelt es sich dabei auch noch um ein Set, was augenscheinlich alles mitliefert. Ein „Erschütterungsabsorber“, eine „Anti-Wind Schaum Kappe“ und auch ein Kabel zum Anschließen liegt bei. Ob man bei den ersten beiden Dingen weiß, was und wofür es genau ist, ist erstmal egal. Es hört sich ja gut an. Aber das beste kommt ja noch zum Schluss: Der Preis. Nur 14,99 Euro soll das ganze Paket kosten. Und auch auf den Bildern sieht das Gerät so aus, wie auf den Bildern, die man vielleicht schon mal aus einem Tonstudio gesehen hat. Was soll da schon schiefgehen? Also wird einfach mal auf gut Glück bestellt. Insbesondere wenn das Budget ohnehin eng gesteckt ist, sollte das ja genau die richtige Lösung sein.

Was uns beim Auspacken erwartet

Auch beim Auspacken sieht alles hervorragend aus. Das Mikrofon wirkt vielleicht etwas kleiner, als man es sich vorgestellt hat, sieht aber immer noch hervorragend aus, die Wahl der Farbkombination Schwarz-Silber passt wunderbar. Auch ansonsten macht das Mikro von außen erstmal einen solide gebauten Eindruck. Kein Plastik, komplett aus Metall.

neewer_1Bei dem „Erschütterungsabsorber“ handelt es sich natürlich um eine 0815-Spinne, in die wir unser Mikrofon hereinklemmen können. Die Gummis sind dabei sehr stramm. Ingesamt scheint es dabei mehr um die typische Optik zu gehen. Effektiv hilft diese Spinne so gut wie gar nicht gegen Erschütterungen irgendwelcher Art. Immerhin hat sie ein 5/8 Zoll Standardgewinde. Das beigelegte Reduziergewinde übersetzt von 5/8 auf 3/8 Zoll, so dass sie an jedes gängige Mikrofonstativ geschraubt werden kann. Allerdings besteht das Reduziergewinde aus sehr billigem Plastik. Wenn es zu fest angezogen wird, dürfte das Gewinde recht schnell hinüber sein. Das ist angesichts des Preises aber erstmal zu vernachlässigen. Einen entsprechenden Gewindeadapter aus Metall bekommt man schließlich für unter einen Euro in jedem Fachgeschäft.

Bei der „Anti-Wind Schaum Kappe“ handelt es sich um typischen aber etwas dünnen Windschutz, wie man ihn kennt. Ob er was taugt, wird sich noch in der Praxis zeigen.

Auch das Kabel an sich ist nicht außergewöhnlich (mal von der Wahl der Kabelart abgesehen). Es ist knapp 2 Meter lang und bietet auf der einen Seite einen XLR-Anschluss für das Mikrofon und auf der anderen Seite einen 3,5mm Klinkenanschluss, um das Mikrofon an die Soundkarte des Rechners anzuschließen. Warum die Wahl des Kabels etwas ungünstig ist, beziehungsweise die Idee so ein Mikrofon auf diesem Weg zu betreiben bei 90% der Laien zu Problemen führen wird, werde ich im praktischen Teil näher ausführen. Und dazu kommen wir jetzt.

Der naive Ansatz

Das, was für die meisten noch vor der Verarbeitung am wichtigsten ist, ist wohl der Klang des Mikrofons. Auch wenn bei der Verarbeitung an der einen oder anderen Stelle gespart wurde, war es das doch wert, wenn das Endergebnis stimmt. Wir verfolgen also zunächst den naiven Ansatz und stöpseln das mitgelieferte Kabel ein. Das eine Ende ans Mikrofon, das andere in die (rote) Mikrofonbuchse der Soundkarte unseres Rechners. Und siehe da, Windows meldet, dass ein Mikrofon anschlossen wurde. So weit so gut, dass klappte auch bisher zuverlässig, sobald man ein Kabel einsteckte.

T.Bone SC450 (links), Neewer NW-700 (rechts).

T.Bone SC450 (links), Neewer NW-700 (rechts).

Als nächstes wird Audacity, das kostenfreie Aufnahmeprogramm unseres Vertraunes, gestartet und der Mikrofoneingang unserer Soundkarte als Aufnahmequelle ausgewählt. Der Aufnahmeknopf gedrückt, losgeblubbert und… nichts. Na gut, fast nichts. Auf dem Bildschirm kann man da, wo sonst die großen Pegelausschläge zu sehen sind, nur kleinste Zuckungen erahnen. Also ab in den Soundkartentreiber. Der „Fehler“ ist schnell gefunden. Neben dem reinen Pegel, der bereits aufgedreht war, war die zusätzliche Mikrofonverstärkung, die in der Regel benötigt wird, noch deaktiviert. Also flugs auf +10 dB gestellt und einen zweiten Versuch gestartet. Besser, aber noch nicht perfekt. Bei meiner Soundkarte sah es mit +20 dB und einer Pegeleinstellung von ca. 75% sehr brauchbar aus.

Nach der ersten Aufnahme wird sie natürlich direkt angehört. Aber was ist das? Gefühlt hört sich die Aufnahme an, als käme sie aus der letzten Blechdose. Also nochmal zurück in die Treibereinstellungen. Der etwas bewandertere PC-Nutzer, der sich schon das ein oder andere mal an Tonaufnahmen mit einem handelsüblichen Mikrofon oder Headset versucht hat, kennt den Grund bereits. In den meisten Fällen ist im Treiber der Soundkarte die Rauschunterdrückung und/oder ein Nebengeräuschfilter aktiviert. Die bearbeiten unsere Aufnahme so sehr, dass eine Menge Qualität eingebüßt wird, sofern sie denn vorhanden ist. Bei günstigen Headsets, die man nur für Skype, Teamspeak und ähnliches verwendet, fällt das nicht ins Gewicht, da die grundlegende Sprachverständlichkeit erhalten bleibt. Nur schön Klingen ist was anderes.

Also Versuch Nummer zwei. Jetzt nehmen wir das rohe Signal auf, wie es nach der Verstärkung durch die Soundkarte im Rechner ankommt. Hier kann jetzt wie in meinem Fall das zweite Problem auftauchen. Die meisten Onboard-Soundkarten, sprich in Laptops verbaute oder fest in das Mainboard eures Rechners integrierte Soundkarten haben nicht gerade sonderlich hochwertige Verstärker. Wie gerade erwähnt reicht das dank der Nachbearbietung für die reine Sprache für Kommunikation auch vollkommen aus. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch, dass durch das kräftige Verstärken des Signals auch ordentlich Rauschen mit in der Aufnahme landet. Und das ist oft so laut, dass es fast egal ist, ob eure Aufnahme durch den Rauschfilter oder das Rauschen selbst kaputt gemacht wird.

Ordentlichen Sound rausholen

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Dummerweise verlangen beide, dass man etwas Geld in die Hand nimmt, sofern man die benötigte Hardware nicht schon besitzt.

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1. Eine höherwertige Soundkarte

Man mag es kaum glauben, aber auf einem Großteil der heutigen Mainboards, egal ob Laptop oder Standrechner, ist absoluter Mist verlötet, was die Soundkarten angeht. Eine dedizierte Soundkarte kann Abhilfe schaffen. Ab rund 40 Euro ist man dabei und hat eine anständige Soundkarte. Die Asus Xonar-Reihe ist dabei recht empfehlenswert und liefert sehr rauscharme Ergebnisse. Konkret wäre die Asus Xonar DGX ein solides Modell, was einen guten Preisleistungskompromiss bietet. Bei Laptops sieht es da schwieriger aus. In dem Fall sollte man eher auf Lösung Nummer 2 setzen.

Das Ergebnis bei der dritten Aufnahme klingt wesentlich vielversprechender. Das Rauschen ist kaum noch wahrzunehmen, so dass man wirklich nur noch den Klang des Mikros hat… und? Dazu später mehr.

2. Ein Mischpult oder Audiointerface

Kommen wir nochmal zurück zum Anfang. Ihr erinnert euch an den Hinweis zum Kabel? Es gibt folgendes Problem: Bei dem Mikrofon handelt es sich eigentlich um eines mit XLR-Anschluss. Quasi der Standardanschluss im Audiobereich. Und auch in der Überschrift des Mikrofons wurde darauf hingewiesen, dass es sich von der Art her um ein Kondensator-Mikrofon handelt. Wer noch ein wenig Physikwissen im Hinterkopf hat, kennt noch das grobe Prinzip eines Kondensators und weiß, dass dieser ohne Strom nicht funktioniert. Üblicherweise wird das Mikrofon aus diesem Grund mit der so genannten Phantomspeisung versorgt. Die liegt üblicherweise bei mindestens 12V meist jedoch bei 48V. Diese Spannung liefert in der Regel der jeweilige Mixer oder das Audiointerface.

Und wie sieht es nun mit unserer Onboard-Soundkarte aus? Ja, auch die liefert Phantomspannung. Allerdings benötigen die Mikrofone, die man üblicherweise an so einer Soundkarte betreibt eine weit geringere Spannung, um zu funktionieren. Diese liegt zwischen 3V und 5V. Zumindest in der Amazon-Beschreibung und der Anleitung des Mikros steht der Hinweis, dass das Neewer mindestens 5V benötigt, um zu funktionieren. Das heißt, bei einem Rechner mit schwächerer Soundkarte hört ihr unter Umständen gar nichts.

Abhängig von der anliegenden Spannung ist im Übrigen auch das Ausgangssignal des Mikros. So liefert es bei 5V einen wesentlich schwächeren Pegel als bei vollen 48V. Entsprechend muss sich die billige Soundkarte mit 5V wesentlich mehr ins Zeug legen, um eine brauchbare Lautstärke hinzuzaubern, was eben zu dem oben erwähnten Rauschen führt.

Jetzt aber zu Versuch Nummer vier. Das Mikrofon wird direkt mit einem XLR-Kabel an mein Yamaha AG03 angeschlossen und wieder mit Audacity aufgenommen… und…

Der Sound

Kommen wir nach dem langem Vorgeplänkel zum Wesentlichen. Wie hört es sich denn nun eigentlich an?

 

Ich muss sagen: Für ein 18 Euro-Mikrofon erstaunlich gut. Wenn die Aufnahmehardware entsprechend wertig ist, kann das Mikrofon sein volles Potenzial entfalten. Es klingt einigermaßen voll, nicht übermäßig präsent oder detailreich, aber weit besser als jedes Headset, das ich bisher ausprobieren durfte. Einen Eindruck vom Sound könnt ihr euch im Video machen.

Fazit

Für ein so günstiges Mikrofon ist es sicher für alle einen Blick wert, die ein eher niedriges Budget haben. Auch als Zweitmikrofon für Podcastgäste oder Ähnliches hat es sicher seine Daseinsberechtigung.

Was ich jedoch etwas kritisch finde ist, dass es besonders Einsteigern schmackhaft gemacht wird und dabei suggeriert, man bekäme Plug&Play-mäßig besten Klang. Das ist jedoch definitiv nur der Fall, wenn man eine dedizierte Soundkarte, besser noch ein Audio-Interface oder Mischpult hat. Sprich, wer keine entsprechende Hardware besitzt, muss sich entweder mit mäßigem Sound zufriedengeben oder weiteres Geld investieren. Wem es um reines Aufnehmen am PC geht, der sollte sich in dem Fall vielleicht Alternativen aus dem USB-Lager ansehen, die unabhängig von der Soundkarte des PCs funktionieren. Als Beispiel das kürzlich hier getestete Auna MIC-900.

Wen das Mikro trotz allem interessiert, der findet es hier: http://amzn.to/1UKXFEU

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  1. Jonas 13. Juli 2016
    • Obli 13. Juli 2016